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Die schlaflosen Nächte hatten selten mit Geld zu tun.

Aber Geld hat sie ausgelöst.
23. Juni 2026 durch
Die schlaflosen Nächte hatten selten mit Geld zu tun.
Raffaela Hofmann

Drei Jahre Selbständigkeit.

Wenn ich heute zurückblicke, denke ich nicht zuerst an die erfolgreichen Projekte, die ausverkauften Veranstaltungen, die großartigen Kund:innen oder die mutigen Entscheidungen, die ich getroffen habe. 

Ich denke an die Momente dazwischen. An die Phasen, über die wir viel zu selten sprechen. An die schlaflosen Nächte. An die Sorgen. An die Unsicherheit. An die Momente, in denen ich mich gefragt habe, wie es weitergeht.

In diesen drei Jahren wurde ich von meinem Mann verlassen. Ich habe private und berufliche Herausforderungen gleichzeitig getragen. Ich habe erlebt, wie sich innerhalb weniger Wochen alles großartig anfühlen kann und kurz darauf wieder Zweifel auftauchen. Es gab Zeiten, da war mein Kalender Wochen im Voraus ausgebucht und ich wusste kaum, wie ich alle Anfragen unterbringen sollte. Und dann gab es plötzlich Phasen, in denen Projekte verschoben wurden, Budgets eingefroren waren und aus begeisterten Gesprächen ein „Vielleicht später“, „Im nächsten Quartal“ oder „Wir müssen derzeit leider sparen“ wurde.

Die Anfragen waren da. Das Interesse war da. Die Gespräche waren da.

Und trotzdem war da manchmal diese beklemmende Stille.

Und obwohl ich inzwischen weiß, dass solche Schwankungen normal sind, lösen sie immer wieder etwas aus.

Nicht nur auf dem Konto, sondern tief in uns.

Denn Geld ist niemals nur Geld.

Geld steht für Sicherheit. Für Freiheit. Für Selbstbestimmung. Für Möglichkeiten. Für Zukunft. Für die Frage, ob wir uns sicher fühlen dürfen. Genau deshalb treffen uns finanzielle Unsicherheiten oft an einem viel tieferen Punkt, als wir es uns eingestehen wollen.

Wenn Aufträge verschoben werden oder Einnahmen zurückgehen, geht es selten nur um die Zahl am Kontoauszug. Plötzlich werden alte Ängste wach. Fragen tauchen auf, die wir längst überwunden glaubten.

Reicht es?

Bin ich gut genug?

Wird es wieder besser?

War das die richtige Entscheidung?

Sollte ich vielleicht doch alles hinschmeißen?

Und manchmal kommen noch ganz andere Gedanken dazu.

Vielleicht sollte ich aufhören, mir etwas zu gönnen.

Vielleicht darf ich jetzt keine Reisen mehr machen.

Vielleicht muss ich wieder alles zusammenstreichen.

Vielleicht wird es nie mehr leicht.

Vielleicht habe ich mich übernommen.

Ich habe gelernt, dass die schwierigsten Momente meiner Selbständigkeit selten mit meinem Unternehmen zu tun hatten. Sie hatten mit meinen Gedanken zu tun. Mit meinen Ängsten. Mit den Geschichten, die ich mir erzählt habe. Mit den Bedeutungen, die ich einzelnen Ereignissen gegeben habe.

Ein ruhiger Monat wurde zur Bedrohung.

Eine Absage wurde zur Bestätigung meiner Zweifel.

Ein verschobenes Projekt wurde zum vermeintlichen Beweis dafür, dass etwas nicht stimmt.

Heute weiß ich, dass nicht die Situation selbst das größte Problem war bzw. ist, sondern die Geschichte, die ich daraus gemacht habe.

„Nicht jeder Zweifel ist ein Hinweis. Manchmal ist er einfach nur Angst in einem überzeugenden Kostüm.“

Je länger ich selbständig bin, desto mehr erkenne ich, wie wichtig es ist, die eigene Beziehung zu Geld zu verstehen. Denn viele von uns tragen Glaubenssätze in sich, die wir nie bewusst hinterfragt haben. Wir verbinden unseren Wert mit Leistung. Unser Sicherheitsgefühl mit Kontoständen. Unsere Zukunft mit Zahlen, Prognosen und Erwartungen.

Und genau dort entstehen diese gefährlichen Schleifen.

Von Euphorie zu Panik.

Von Zuversicht zu Existenzangst.

Von „Ich habe alles im Griff“ zu „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Nicht weil sich die Realität so dramatisch verändert hat. Eher weil Unsicherheit etwas in uns berührt, das viel älter ist als unsere Selbständigkeit.

Deshalb halte ich es heute für eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt, sich mit der eigenen Geldbeziehung auseinanderzusetzen.

Zu verstehen, welche Ängste anspringen.

Welche Muster aktiviert werden.

Welche Glaubenssätze Entscheidungen beeinflussen.

Welche Geschichten wir immer wieder erzählen.

Denn sonst landen wir bei jeder wirtschaftlichen Delle wieder an demselben Ort:

Im Katastrophendenken.

Im Mangel.

Im Gefühl, nicht genug zu sein.

Im Impuls, alles hinzuwerfen.

„Finanzielle Bildung bedeutet nicht nur zu wissen, wie Geld funktioniert, sondern auch zu verstehen, was Geld emotional mit uns macht.“

Wenn ich heute mit anderen Selbständigen, Unternehmer:innen  oder Gründer:innen spreche, merke ich immer wieder, wie ähnlich unsere Geschichten sind. Nach außen wirken viele erfolgreich, souverän und klar. Hinter den Kulissen rechnen sie, zweifeln sie, machen sie sich Sorgen und fragen sich manchmal genauso wie ich, ob alles gut werden wird.

Wir sprechen nur selten darüber.

Vielleicht weil Erfolg gesellschaftlich besser verkauft wird als Ehrlichkeit.

Vielleicht weil wir glauben, immer stark wirken zu müssen.

Vielleicht weil wir Angst haben, dass Unsicherheit als Schwäche ausgelegt wird.

Dabei ist genau das Gegenteil wahr.

Die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne sich selbst infrage zu stellen, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit.

Gerade jetzt.

Gerade jetzt, wo Budgets zurückgehalten werden, Entscheidungen länger dauern, Märkte sich verändern und Planbarkeit immer mehr zur Ausnahme wird.

Die letzten drei Jahre haben mich vieles gelehrt. Über Unternehmertum, Erfolg und was Wachstum für mich ist.  Vor allem aber haben sie mich gelehrt, dass Stabilität nicht bedeutet, nie zu schwanken.

Stabilität bedeutet, auch in unsicheren Phasen zu wissen, wer man ist.

Zu wissen, dass ein ruhiger Monat kein Urteil über den eigenen Wert ist.

Zu wissen, dass eine Absage nichts über die eigene Kompetenz aussagt.

Zu wissen, dass Angst keine Prognose ist.

Und zu wissen, dass Selbstwert und Kontostand zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Nicht jeder ruhige Monat ist eine Krise. Nicht jeder Zweifel erzählt die Wahrheit. Und nicht jede Angst verdient einen Platz am Steuer.

Wir sollten wir viel öfter darüber sprechen. 

Nicht nur über Wachstum, Erfolg und volle Auftragsbücher.

Die Wahrheit über die schlaflosen Nächte dazwischen.

Denn dort entstehen oft die wichtigsten Erkenntnisse. ... 

Fotos: HR Inside Summit Summer Edition 2026/ Studio Heidegger

Geld ist niemals nur Geld.

Geld ist ein Spiegel unserer DNA.

 

Dein Kontostand

bestimmt nicht deinen Wert 

oder doch !?

 


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